Die Angst vor dem Prompt: Ist unser Job als UX-Designer am Ende?

von | Jan. 10, 2026 | Auswahl der Redaktion, Generative AI, Karriere, Trends

Hast du dich in letzter Zeit auch schon mal dabei ertappt, wie du nachts wach liegst und dich fragst, ob dein Studium oder deine jahrelange Erfahrung in zwei Jahren noch etwas wert sind? Es ist dieses flaue Gefühl im Magen, wenn du siehst, wie ein Tool in Sekunden ein Layout ausspuckt, für das du früher Tage gebraucht hättest. Die Angst ist kein Hirngespinst. Sie ist ein Warnsignal. Aber die Frage ist: Wovor warnt sie uns wirklich? Vor der Maschine – oder davor, dass wir unseren eigenen Wert zu lange an den falschen Dingen festgemacht haben?

TLDR: Die Angst, durch KI ersetzt zu werden, ist real. Aber sie beruht auf einem Missverständnis. Wer sich nur als „Produzent von Oberflächen“ versteht, wird tatsächlich verschwinden. Doch wer die Angst nutzt, um sich auf den Kern von UX zu besinnen: das Lösen menschlicher Probleme im Kontext –, wird unersetzlich. KI baut die Masken, wir bauen die Bedeutung.

Der große Irrtum: Warum Figma uns in die Falle gelockt hat

Die Angst rührt daher, dass wir uns jahrelang in einer Komfortzone eingerichtet haben. Wir haben uns eingeredet, dass das Bauen von Komponenten, das Pflegen von Design-Systemen und das perfekte Ausrichten von Pixeln in Figma „UX-Design“ sei.

Doch machen wir uns nichts vor: Figma ist ein UI-Tool. Es ist ein Zeichenbrett, kein Denkwerkzeug. KI entlarvt jetzt schmerzhaft genau diese Lüge. Die Maschine kann das UI-Handwerk – die visuelle Hülle – fast perfekt imitieren. Wenn dein ganzer Stolz darin bestand, das sauberste Auto-Layout der Firma zu haben, dann ist die Angst berechtigt. Die KI kann das besser, schneller und ohne Kaffeepause. Aber UX-Design passiert nicht auf der Leinwand, sondern im Alltag der Menschen, in ihren Köpfen und in ihren Frustrationen.

Die Evolution der Rollen: Wer überlebt den Wandel?

 

In meinem Artikel „Wer macht was in UX“ habe ich die Rollen detailliert aufgedröselt. Schauen wir uns an, wie die KI diese Rollen jetzt unter Druck setzt:

Der UI Designer: Hier ist die Angst am greifbarsten. Standard-Layouts sind effizient automatisierbar. Wer hier bleiben will, muss den Sprung zum Visual Strategist schaffen. Es geht nicht mehr um „hübsch“, sondern um die psychologische Führung durch visuelle Hierarchien, die eine KI ohne Kontext nur erraten kann.

Der UX Researcher: Du bist die Lebensversicherung des Teams. In einer Welt, die mit „Synthetic Users“ (KI-simulationen) geflutet wird, bist du der Anker zur Realität. Nur du kannst die handfeste Wahrheit eines echten Nutzers einfangen, der im Stress ganz anders reagiert, als ein Algorithmus es vorhersagt.

Der Information Architect: Deine Rolle wird zum strategischen Zentrum. Während die KI beliebig viele Screens generieren kann, scheitert sie oft an der tiefen Logik komplexer Systeme. Du baust das Skelett. Du entscheidest, wie Informationen hierarchisch fließen müssen, damit ein Nutzer sie im Alltag versteht. Ordnung im Chaos zu schaffen, ist eine rein strategische Denkleistung, die man nicht weggenerieren kann.

Praxisbeispiel – Very Grey Anatomy

Stell dir vor, es ist Mittwochmorgen in einer großen Uniklinik. Die Flure sind hell, es riecht nach Desinfektionsmittel, die Hektik ist greifbar. Eine KI hat für die Klinik ein „Standard-Dashboard“ für Patientenbefunde generiert. Es sieht schick aus, modern, mit viel Weißraum. Aber hier beginnt das Problem:

Szene 1: Der Tunnelblick im OP
Dr. Weber steht unter enormem Zeitdruck. Er hat gerade einen kritischen Fall auf dem Tisch und braucht sofort die Blutwerte des Patienten. Er hat keine Zeit für „schönes“ Design oder versteckte Menüs. Er braucht ein Interface, das wie ein chirurgisches Instrument funktioniert: hart, präzise, emotionslos. Jede Sekunde Suche kostet Leben. Für ihn ist die praktische Verknüpfung von Daten alles. Die KI liefert ihm vielleicht ein ästhetisches Dashboard, aber Dr. Weber braucht eine hochverdichtete Informationsarchitektur, die seine kognitive Last im Stress minimiert.

Szene 2: Das Gespräch am Krankenbett
Ein paar Etagen höher sitzt Schwester Sarah am Bett von Herrn Müller. Er hat gerade eine schwierige Diagnose erhalten und ist sichtlich verunsichert. Sarah nutzt dasselbe System, aber ihr Ziel ist ein völlig anderes. Sie will Herrn Müller die Werte nicht hinknallen, sondern sie ihm schonend erklären. Sie braucht ein Interface, das als Brücke dient: einfache Visualisierungen, beruhigende Farben und eine Informationshierarchie, die den Patienten nicht erschlägt.

Die KI sieht nur „Daten von Patient A“. Sie versteht nicht, dass Sarah eine Experience der Empathie gestalten muss, während Dr. Weber eine Experience der Effizienz braucht. Diesen emotionalen und situativen Kontext zu erkennen, ist der Kern unserer Arbeit. Das ist UX.

Die harten Grenzen: Wo die KI niemals hinkommt

Wir müssen die Grenzen der Technik kennen, um unsere eigene Daseinsberechtigung zu verstehen. KI ist ein mächtiger Assistent, aber sie hat strukturelle Defizite, die wir als Profis besetzen müssen:

Die Innovations-Sackgasse:
KI ist ein statistischer Rückspiegel. Sie berechnet die Wahrscheinlichkeit des nächsten Pixels basierend auf dem, was schon Millionen Male gemacht wurde. Wirkliche Innovation entsteht aber oft durch das bewusste Brechen von Regeln. Die KI liefert dir den „Industrie-Durchschnitt“. Wenn du etwas schaffen willst, das den Markt praktisch verändert, ist die KI dein größter Bremsklotz.

Der „Invisible Data“-Blindspot:
Ein Research-Bot kann Transkripte analysieren, aber er spürt keine Schwingungen. Er sieht nicht, wie ein Nutzer nervös mit dem Fuß wippt, wenn er eine Fehlermeldung sieht. Er hört nicht das Zögern in der Stimme. Diese non-verbalen Signale sind oft wichtiger als das, was der Nutzer sagt. Wer Research nur noch über Simulationen betreibt, baut Produkte in einer klinisch reinen Welt, die im Alltag der Menschen nicht existiert.

Fehlender physischer Kontext:
KI weiß nicht, wie es ist, eine App im strömenden Regen auf einem zersprungenen Display zu bedienen. Sie versteht nicht, wie Blendeffekte auf einem Dashboard im Auto die Nutzbarkeit ruinieren. Wir Designer müssen diese physische Realität antizipieren – die KI kennt nur den perfekten High-Res-Monitor.

Ethische Verantwortung & Bias:
KI kann keine Verantwortung übernehmen. Wenn ein Algorithmus ein Design vorschlägt, das bestimmte Bevölkerungsgruppen diskriminiert, kannst du dich nicht hinter der Maschine verstecken. Als Designer bist du der ethische Wächter. Du musst sicherstellen, dass Inklusion und Barrierefreiheit keine Checkboxen sind, sondern gelebte Haltung.

Strategisches Stakeholder-Management:
UX-Design ist zu 50 % Moderation. Du musst den CEO, den Product Owner und das Dev-Team an einen Tisch bringen und Kompromisse finden, die für den Nutzer funktionieren. Eine KI kann keine Meetings leiten, keine Firmenpolitik navigieren und keine festgefahrenen Fronten aufbrechen. Das ist reine menschliche Diplomatie.

Fazit & Takeaways

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Angst ist berechtigt, wenn du dich nur über deine Werkzeuge (Figma) definierst.
  • Nutze die KI für die effiziente Fleißarbeit, um den Kopf frei zu bekommen für das „Warum“.
  • Dein Wert liegt in der Empathie, der Moderation und dem strategischen Denken.
  • Trenne radikal zwischen dem UI-Handwerk und der UX-Strategie.

Der entscheidende Punkt:
KI wird uns nicht ersetzen, aber sie wird das UX-Design von der Last befreien, nur „hübsche Bilder“ zu produzieren, und uns zwingen, endlich wieder echte Probleme zu lösen.

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